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BABY-BEDENKZEIT

Kooperationsprojekt von Kriz e.V. und dem Amt für Soziale Dienste

Welt am Sonntag, vom 29.5.2005
Von Antonia Beckermann

Echter Streß mit falschem Kind

Die Geburtenrate sinkt, doch die Zahl minderjähriger Mütter steigt. Ein Projekt mit Säuglingspuppen versucht aufzuklären - ohne abzuschrecken.

Ein Schrei reisst sie aus dem Schlaf. Es ist drei Uhr nachts. Julia Felske braucht einige Sekunden, um zu begreifen, woher der Lärm kommt. Dann steht die 16jährige Schülerin auf. Schon wieder Jeremy. Schon wieder ihr Baby. Kaum zwei Stunden hat sie geschlafen. Am liebsten würde sie es an die Wand werfen.

Viele Mütter kennen das Gefühl, mit einem Baby überfordert zu sein. Und diese Überforderung mündet schnell in Erschöpfung. Beides können schließlich Gründe für die Mißhandlung von Kindern sein.

Julia hätte nie gedacht, daß sie so aggressiv reagieren würde. Aber sie hat einen Vorteil, den andere Mütter nicht haben. Sie kann Jeremy zurückgeben, wenn sie es nicht mehr aushält. Denn Jeremy ist ein Baby-Simulator und Julia Mutter auf Probe.

Vier Tage nimmt sie mit acht Mitschülerinnen an dem Projekt "Babybedenkzeit" in Bremen teil. Jede von ihnen ist in dieser Zeit für ihr Baby voll verantwortlich. Julia hat ihren kleinen Sohn Jeremy getauft, ihre Mitschülerin Rebekka Schmilgies ihre Tochter Leonie.

Babysimulatoren als Prävention? Was auf den ersten Blick wie ein ungewöhnliches Spiel klingt, hat ernste Hintergründe.

Im Gegensatz zu den insgesamt rückläufigen Geburten steigt die Zahl der minderjährigen Mütter: Von 2000 bis 2002 wurden 6,2 Prozent weniger Kinder in Deutschland geboren. Gleichzeitig gab es in diesem Zeitraum 13 Prozent mehr Teenager-Mütter. Und auch die Schwangerschaftsabbrüche bei Teenagern stiegen an. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Berufsverband der Frauenärzte haben daher zu verstärkter Aufklärung aufgerufen.

Besonders realitätsnah ist sie beim Projekt "Babybedenkzeit". Anders als in Mädchen-Sprechstunden beim Frauenarzt oder den Beratungen von Pro Familia erfahren die Jugendlichen hautnah, wie ein Kind das Leben verändert.

Wie normale Säuglinge wollen auch die Babypuppen gefüttert, gewickelt und beruhigt werden. Sie glucksen zufrieden, husten und stoßen auf. Am ersten Tag wird den Mädchen der richtige Umgang mit Säuglingen erklärt. Die wahre Herausforderung beginnt jedoch erst, wenn sie ihre Babys mit nach Hause nehmen. "Ich war sehr nervös. Ich wußte nicht, ob Leonie gefüttert oder gewickelt werden will oder aus welchem Grund sie schreit", sagt Rebekka. Vielen wird erst in der ersten Nacht klar, daß ein Kind heißt, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. "Es war die Hölle", erinnert sich Julia, "ich habe kaum geschlafen."

Das Projekt ist eine Gratwanderung zwischen Aufklärung und Abschreckung. Das weiß Iris Schöning, Leiterin des "Babybedenkzeit-Projekts" in Bremen. Denn in Zeiten niedriger Geburtenraten bei erwachsenen Frauen wäre es fatal, wenn die Mädchen ganz die Lust auf Kinder verlören. Daher versucht sie ihnen auch zu zeigen, welche Bereicherung Kinder sein können.

Genauso wichtig ist ihr jedoch das Gespräch über die Sexualität. "Das fehlende Wissen über die richtige Verhütung und den weiblichen Zyklus ist einer der häufigsten Gründe für die ungewollte Schwangerschaft von Minderjährigen", hat Schöning festgestellt.

In einer Zeit, in der verläßliche Eltern-Kind-Beziehungen immer seltener werden, übernehmen Schulen oft die Aufklärung - doch nicht immer mit Erfolg. "Dort konnte man über viele Dinge nicht offen reden", sagt Rebekka. Der Unterricht ist oft zu unpersönlich und oberflächlich, die Scheu, Intimes anzusprechen, groß. Viele Teenager sind daher zwar aufgeklärt und trotzdem ahnungslos.

Wenn Minderjährige schwanger werden, spielen häufig zudem Bildung und die Verhältnisse des Elternhauses eine wichtige Rolle. "Mädchen, die eine eingeschränkte Berufs- oder Lebensperspektive für sich sehen, werden eher schwanger", sagt Christine Mühlbach vom Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend. Von einem Baby versprächen sie sich oft einen besseren Status und mehr Aufmerksamkeit. Von der hohen Verantwortung hätten sie dagegen oft keine Vorstellung.

Das hat auch Iris Schöning festgestellt. Seit zwei Jahren führt sie Baby-Bedenkzeit-Trainings in Jugendeinrichtungen und Schulen durch. "Die Nachfrage ist riesig", sagt sie. Viele Mädchen sind begeistert von der Idee auszuprobieren, wie es ist, ein Kind zu haben.

Schnell kommt die Ernüchterung. "Ich habe mich mit dem Kind kaum auf die Straße getraut. Das war zu peinlich", erzählt eines der Mädchen. Ein anderes berichtet, daß ihr Freund wegen des Babys nicht mehr kommt. "Das ist ihm alles zuviel." Tag und Nacht, nahezu alle zwei Stunden, verlangt das Baby nach Aufmerksamkeit.

Mit der Zeit haben Julia und Rebekka gelernt, wann Jeremy und Leonie schreien und aus welchem Grund. Dennoch, daß Interesse und die Aufregung der Mädchen legen sich schnell. Schon am zweiten Tag ist bei einigen die Erschöpfung größer, als der Wille durchzuhalten. Julia ist mit den Nerven am Ende und gibt Jeremy frühzeitig ab. "Ich werde erst mit 30 schwanger. Wenn es mir jetzt schon mit einer Puppe zuviel wird, wie soll es da erst mit einem echten Kind werden?" fragt sie sich. Am dritten Tag beginnt auch Rebekka, die Stunden zu zählen. "Ich bin so froh, wenn ich das Kind wieder abgeben kann", stöhnt sie. Ihr ist klar geworden, daß sie sich der Verantwortung noch nicht gewachsen fühlt.

Nur sechs der neun Mädchen behalten ihre Babys bis zum letzten Tag. Am Ende haben alle dunkle Ringe unter ihren Augen. "So früh will ich jetzt noch kein Kind", sagt eines der Mädchen, und die anderen nicken. Sie sind froh, wenn am Montag wieder ihr Schulalltag beginnt - ohne Kind.
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